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MEDICA MEDIA-News vom 07.11.2008

Neue Versorgungsformen – Integrierte Versorgung muss sich jetzt beweisen!

Sehr geehrte Damen und Herren,

willkommen zu einer neuen Ausgabe der MEDICA MEDIA NEWS, dem Newsletter der MEDICA MEDIA, Forum für eHealth, Telemedizin und medizinische Informationstechnologie.

Wir freuen uns, Ihnen heute gleich zwei Themenschwerpunkte der MEDICA MEDIA 2008 (19. bis 22. November, Halle 16 A-05, Messe Düsseldorf) vorstellen zu dürfen. Dazu gibt es nützliche Informationen zu themenbezogenen Veranstaltungen, ein Interview und wie gewohnt einen fundierten Wissenschaftsartikel des Medizinjournalisten und Pressesprechers der MEDICA MEDIA, Dr. Lutz Retzlaff.

Die Anschubfinanzierung für die integrierte Versorgung fällt weg. Die Einschreibung von Patienten in die Disease-Management-Programme ist ab Januar nicht mehr mit Vorteilen für die Krankenkassen verbunden. Mit Blick auf den näher rückenden Gesundheitsfond werden auf der MEDICA MEDIA die Weiterentwicklungsmöglichkeiten und Chancen der DMP´s, der hausarztzentrierten Versorgung, der Ärztenetze und Vertragsformen analysiert, die
zusammen unter dem Begriff „Neue Versorgungsformen“ gefasst sind. Die Fachbeiräte der MEDICA MEDIA, Prof. Dr. med. Werner A. Scherbaum, Präsident des MEDICA-Kongresses sowie der Deutschen Gesellschaft für interdisziplinäre Medizin e.V., und Prof. Dr. med. Dipl.-Kfm. Rainer Riedel, Studiengangsleiter Medizin-Ökonomie der Rheinischen Fachhochschule Köln, umreißen für Sie den aktuellen Stand der Diskussion. Besuchen Sie das von Prof. Riedel moderierte Diskussionsforum und den anschließenden Vertiefungsworkshop (Mittwoch, 19.11., 15:00 Uhr bzw. 16:00 Uhr) und informieren Sie sich in dem von Prof. Scherbaum moderierten Diskussionsforum (Donnerstag, 20.11., 15:00 Uhr).

Lesen Sie auch den Artikel „Integrierte Versorgung muss sich jetzt beweisen“ von Dr. Lutz Retzlaff.

Das Thema eHealth bietet über den Basis-Rollout der elektronischen Gesundheitskarte hinaus eine Fülle an Gesprächstoff. Daher wird es auf der MEDICA MEDIA eine ganze Reihe verschiedener Veranstaltungen geben, in denen neue Entwicklungen im Bereich eHealth präsentiert und Vorbehalte abgebaut werden sollen. So etwa eine Auswahl wegweisender Projekte, die Ihnen Dipl.-Inform. Reinhold Mainz in unserem Interview vorstellt. Die allesamt von der Europäischen Kommission geförderten Forschungsprojekte, die auch in die von Herrn Mainz moderierte Präsentation (Freitag, 21.11., 11:00 Uhr) Eingang finden, beschäftigen sich mit der Nutzung der Computertechnik für eine verbesserte Datenerhebung unmittelbar am Patienten selbst. Weiter möchten wir Sie noch auf unsere eHealth-Veranstaltungen am Samstag, den 22. November (11:00 Uhr bzw. 12:00 Uhr) hinweisen. In der Power-Input-Session und dem anschließenden Diskussionsforum, die in Zusammenarbeit mit dem Verband Deutscher Arztinformationshersteller und Provider e.V. konzipiert wurden, informieren wir Sie über Chancen und Nutzen von Arztinformationssystemen in der Arztpraxis.


Wir freuen uns, Sie auf der MEDICA MEDIA 2008 (19.-22. November) anzutreffen.


Mit besten Grüßen
Ihr MEDICA MEDIA-Team


 

Integrierte Versorgung muss sich jetzt beweisen

Die Herausforderungen an neue Versorgungsformen steigen
Was bleibt von den neuen Versorgungsformen? Die Anschubfinanzierung für die integrierte Versorgung fällt weg. Die Einschreibung von Patienten in die Disease-Management-Programme ist ab Januar nicht mehr mit Vorteilen für die jeweiligen Krankenkassen verbunden. Was passiert jetzt? Eine Antwort: „Die integrierte Versorgung ist nun als Regelversorgung gefordert.“ So sieht es Prof. Dr. med. Werner A. Scherbaum, Präsident der MEDICA und Direktor der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Rheumatologie, Universitätsklinikum Düsseldorf. Die andere: „Die Teilnahme an Disease-Management-Programmen sollte für die betroffenen Patienten Pflicht werden.“ So sieht es Prof. Dr. med. Dipl.-Kfm. Rainer Riedel, Studiengangsleiter Medizin-Ökonomie, Rheinische Fachhochschule Köln. Beide gestalten bei der MEDICA MEDIA die Programmpunkte zum Thema „Neue Versorgungsformen“. Fest steht: Die Zeit, bis der Gesundheitsfonds Wirklichkeit wird, ist knapp.

Eigentlich war die Idee zur integrierten Versorgung gut. Diese sektorenübergreifende Versorgungsform sollte eine stärkere Vernetzung der verschiedenen Fachdisziplinen und Sektoren (Hausärzte, Fachärzte, Krankenhäuser) fördern, um die Qualität der Patientenversorgung zu verbessern und gleichzeitig die Gesundheitskosten zu senken. Mit dem Paragraf 140 d SGB V hatte die Bundesregierung deren Anschubfinanzierung eingeführt. Seit 2004 bis Ende 2008 muss jede Krankenkasse bis zu einem Prozent von der an die jeweilige Kassenärztliche Vereinigung zu entrichtenden Gesamtvergütung der Kassenärzte sowie von den Rechnungen der einzelnen Krankenhäuser für voll- und teilstationäre Versorgung einbehalten, soweit die einbehaltenen Mittel zur Umsetzung dieser sektorenübergreifenden Versorgungsform eingesetzt wird. Ende 2008 läuft die zwangsweise Anschubsfinanzierung aus. Was passiert dann?

Ebenso auf dem Prüfstand kommen die Disease-Management-Programme, die als systematische Behandlungsprogramme für chronisch kranke Menschen auf den Erkenntnissen der evidenzbasierten Medizin fußen. Therapiealgorithmen sollen eine einheitlichere Versorgung sicherstellen. Sie sollen die ärztliche Entscheidung nicht ersetzen, aber eine bessere Organisation der Behandlung chronisch Kranker forcieren. Solche DMP gibt es für Krankheiten wie die Koronare Herzkrankheit, Asthma, COPD und Diabetes mellitus Typ II. Seit ihrer Einführung 2003 nach dem Gesetz zur Reform des Risikostrukturausgleichs in der gesetzlichen Krankenversicherung wurde von der Ärzteschaft kritisiert, dass es ein Junktim von der Teilnahme an DMP und dem Risikostrukturausgleich gibt. Dies sorgt dafür, dass gesetzliche Krankenkassen mit mehr DMP-Teilnehmern mehr Geld bekommen. Dieser Risikostrukturausgleich wird nun anders geregelt. So fließt die Häufigkeit von 80 Erkrankungen unter den Versicherten einer gesetzlichen Krankenkasse ein. Sind damit die DMP hinfällig?

Das Gegenteil scheint der Fall zu sein: „Es wird in die Richtung gehen, dass die Disease-Management- und Case-Managment-Programme zur Regelversorgung werden“, meint Prof. Scherbaum. Dafür gibt es für die Ärzte auch weiterhin ein Zusatzentgelt, und zwar sind dies ab dem 1. Januar 2009 180€ pro eingeschriebenem Patient und Jahr. Scherbaum glaubt, dass die in den DMP entwickelten und verwendeten Algorithmen, zum Beispiel der gegenseitigen Weiterüberweisung, auch für die Regelversorgung stärker festgelegt werden. Die wirtschaftlichen Zwänge im Gesundheitswesen würden diese Standardisierung notwendig machten. Dabei sollte der Patient nach Vorstellungen von Prof. Scherbaum einbezogen werden. „Wenn die Versicherten mit ihrer Krankenkasse bzw. ihrem Netzwerk, das sie angeboten bekommen, nicht zufrieden sind, dann werden sie schneller als bisher wechseln.“ Die Patientenzufriedenheit wird an Bedeutung für die Krankenkassen gewinnen.

Nach Ansicht von Prof. Scherbaum geht es für die Mediziner jetzt darum, im Rahmen der gesetzlichen Rahmenbedingungen die Qualität sicherzustellen. So werden die kommenden Behandlungsalgorithmen zwar einen großen Teil der Patienten abdecken. Es wird aber immer Fälle geben, die eine individuelle Therapie verlangen. Ärzte sollten nach den Vorstellungen von Prof. Scherbaum darauf achten, dass dies möglich bleibt, sollten aber auch offensiv an den zur Regelversorgung werdenden Behandlungsalgorithmen mitarbeiten. Ein Beispiel, wie die Zukunft aussehen könnte, ist für Prof. Scherbaum das Modell „AOK aktiv + vital“ in Hessen. „Wir haben angefangen mit Diabetes, koronarer Herzerkrankung und COPD. Insgesamt sind 20 Krankheiten vorgesehen.“ Ziel ist es, dass man die integrierte Versorgung lebt, „und zwar im ganzen Lande“. So erhalten Ärzte nach Ihrer Anmeldung ein kostenloses Software-Modul, das es dem Praxis-Team ermöglichen soll, gezielt weitere Betroffene zu identifizieren, anzuschreiben und zu informieren. Sobald ein Patient eingeschrieben ist, werden alle notwendigen Schreiben selbstständig durch das System erzeugt. Ziel ist die volle Integration der Arzt-Informations-Systeme zur maximal möglichen Reduktion der Bürokratie. Hier fließen riesige Datenmengen, die ausgewertet und genutzt werden, um die Therapie zu verbessern. „Das Problem der Krankenkassen ist, dass sie nicht wissen, wie sie mit diesen Datenmengen umgehen sollen.“ Um dies zu ermöglichen, war Entwicklungsarbeit von Seiten der Praxissoftware-Anbieter notwendig. Nach Einschätzung von Prof. Scherbaum hat der Einstieg der Compugroup Holding AG dies ermöglicht. Das Unternehmen ist nicht nur Marktführer bei der Praxissoftware. Die Statistik der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zeigt einen bundesweiten Anteil der Compugroup-Software am bundesweiten Installationsbestand der Abrechnungsdatenträger(ADT)-Abrechnungen bei niedergelassenen Ärzten von 26 Prozent mit Stand 31. Dezember 2007. Das Tochterunternehmen der Compugroup, die Gesellschaft für angewandte integrierte Versorgungsformen (GiV), bietet nun auch allen anderen Anbietern an, die Schnittstelle herzustellen.
Die Ansprüche der Krankenkassen sind hoch. Vor dem Hintergrund, dass nun 80 Diagnosen und daran gekoppelte Prozeduren und andere Indikatoren den RSA beeinflussen, müssten diese jetzt besonders zeigen, was sie können und den entsprechenden Patienten bieten können. Neue Datenanalyseprogramme, eine Integration von Verwaltungssoftware und verschiedenen Fenster für Algorithmen helfen weiter. „Es gibt viele Szenarien, die nur bei den innovativen Kleinanbietern gezeigt wurden“, schildert Prof. Scherbaum. Wer hat die besten Lösungsmodelle erarbeitet und wie kann man die Besten in Gesamt-Netzwerken implementieren? Letztendlich geht es nicht nur bei der MEDICA MEDIA um die Fragen: Was benötigt der Hausarzt, um in seinem Budget zu bleiben, dabei Qualitätssicherungsmaßnahmen durchzuführen, seine Abrechnung zu machen und das alles, „ohne dass er fünf Computer bedient.“

Die Praxissoftware muss also große Anforderungen erfüllen, um einen möglichst einfachen und reibungslosen Arbeitsablauf in der Praxis zu ermöglichen. Theorie und Praxis, Ärzte, Gesundheitsökonomen und die Anbieter von innovativer Software haben im Rahmen der MEDICA und MEDICA MEDIA Gelegenheit, interdisziplinär intelligente Lösungen zu finden.

Zu den Gesundheitsökonomen zählt Prof. Riedel: „Patienten sollten an einem DMP teilnehmen müssen.“ Der Gesundheitsökonom meint, wenn Krankenkassen strukturierte Behandlungsprogramme anbieten müssen, dann seien auch die chronisch Kranken in der Pflicht. Allerdings weiß noch niemand, wie es weitergeht. Hier wird sich Volker Leitz, Leiter Neue Versorgungsformen, BKK Ford & Rheinland mit seinem Referat zum Stellenwert der DMPs unter Berücksichtigung des MORBI-RSA 2009 kritischen Fragen stellen. Forciert wird jedenfalls die hausarztzentrierte Versorgung nach § 73b – und damit Spezialverträge, die auch ohne Zutun der Kassenärztlichen Vereinigungen zustande kommen können. Diese Entwicklung wird dort nicht nur mit Stirnrunzeln betrachtet, sondern auch aktiv begleitet. So hat die KV Nordrhein Hausarztverträge mit allen Primär- und Ersatzkassen geschlossen. Bei dem zum Jahresanfang 2008 in Kraft getretenen Vertrag mit der AOK Rheinland/Hamburg (AOK), der Innungskrankenkasse Nordrhein (IKK) und der Landwirtschaftlichen Krankenkasse (LKK) sind auch die Kinder- und Jugendärzte dabei. Bei der MEDICA MEDIA wird Dr. Dr. Klaus Enderer, Vorstand Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein, seine Vorstellungen zur hausarztzentrierten Versorgung und deren Weiterentwicklung erläutern. Auch der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein ist klar, dass es beim jetzigen Stand nicht bleibt. Ärztenetze wie das GoIN Ingolstadt werden sicher an Bedeutung gewinnen. Geschäftsführer des GoIN ist Dr. Siegfried Jedamzik. Der Allgemeinarzt ist zudem Vorsitzender des Verbands deutscher Praxisnetze. Der Verband wurde im Jahr 2003 als Interessenvertretung der in Bayern ansässigen Ärztevereinigungen gegründet. Er ist nach eigenen Angaben ein Verbund von derzeit 13 bayerischen Praxisnetzen mit rund 2.000 Mitgliedern.

Die Zahl der Ärztenetze scheint insgesamt rasant anzusteigen. Zählte man in 2002 bundesweit noch rund 200 Netze, in denen rund 10.000 niedergelassene Ärzte zusammengeschlossen sind, so sind es heute nach Rechnung des NAV Virchow Bundes fast 400 Netze mit schätzungsweise rund 30.000 Ärzten. Dabei gibt es große Unterschiede zwischen den Netzen. Einige sind inzwischen so groß und bündeln nahezu alle Ärzte einer Region, so dass diese bereits direkte Verträge mit Krankenkassen abgeschlossen haben und einen Teil der medizinischen Versorgung selbst gestalten. Andere befinden sich im Zustand von losen Verbindungen oder Vereinen. Die Richtung ist klar: Die Zahl der Netze und deren Grad an Professionalisierung werden weiter steigen.

„Ein positives Beispiel ist das GoIn. Diese Ärzte können uns sagen, wie Netze arbeiten können", freut sich Prof. Riedel. Für ihn steht fest: „Medizinische Versorgungszentren und Berufsausübungsgemeinschaften sind im Mikrobereich die zukünftigen Versorgungsstrukturen und auf der Makroebene werden es die Netze.“ Er prognostiziert, dass der Sicherstellungsauftrag von den Kassenärztlichen Vereinigungen auf die Netze übergehen wird, wobei die Bedeutung der Kassenärztlichen Vereinigungen auf reine Abrechnungsorganisationen schrumpfen könnte. Damit käme auch die Budgetverantwortung auf die Netzärzte zu. Dass es notwendig ist, solche Entwicklungen auch über die Praxissoftware und zunehmende Vernetzung zu begleiten, liegt auf der Hand.

In diesem Zusammenhang sicher auch interessant ist das Case-Management, wie es teilweise im Ausland praktiziert wird. Matthias P.Spielmann, M.H.A., Geschäftsführender Direktor der Schulthess Klinik, Zürich (CH), wird erläutern, was Deutschland vom Managed Care-Programm am Beispiel der Schweiz lernen kann - und was nicht: "Wir müssen ja nicht alles genau so gut oder genauso schlecht machen wie unsere Nachbarn“, kommentiert Prof. Riedel. Begleitet wird die Entwicklung aber auch von Kosten-Nutzen-Analysen – und hier bietet der Pharmabereich einen Vorgeschmack auf das, was in der Medizintechnik kommen wird. Prof. Riedel ist sich sicher: "Die heutige Diskussion im Pharmabereich wird auch die Medizintechnik erreichen." Eine redaktionell überarbeitete Fassung seines Methodenentwurfs zur Bewertung von Kosten-Nutzen-Verhältnissen bei Arzneimitteln hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) am 14. Oktober 2008 publiziert. Dr. Eva-Susanne Dietrich, Direktorin Wineg-Institut Hamburg, wird sicher auch im Rahmen ihres Vortrages bei der Medica Media „Haben Kosten-Nutzen-Analysen von Arzneimitteln Auswirkungen auf eine innovative ambulante Patienten-Behandlung?“ eine Meinung dazu haben.

Die MEDICA MEDIA wird also erneut die Gelegenheit bei der MEDICA zur Diskussion zwischen Ärzten und anderen Heilberuflern einerseits sowie Forschung und Industrie andererseits sein, den Blick über den eigenen Tellerrand zu schärfen.


Autor dieses Artikels ist:
Dr. Lutz Retzlaff, freier Medizinjournalist und Pressesprecher der MEDICA MEDIA